2026 werden laut dem Global Humanitarian Overview der Vereinten Nationen erneut hunderte Millionen Menschen auf lebensrettende Hilfe angewiesen sein. Durch einen neuen Berechnungsschlüssel fallen viele von Hilfe abhängige Menschen in diesem Berichtsjahr durch das Raster, weshalb die Zahl im Vergleich zum Vorjahr sinkt. Angesichts der sich weiter zuspitzenden humanitären Lage in vielen Teilen der Welt dürfte der Bedarf jedoch tatsächlich weiter gestiegen sein: „Die Zahl der gewaltsamen Konflikte, Naturkatastrophen und humanitären Problemlagen nimmt nachweisbar zu“, berichtet Anica Heinlein, Vorständin bei VENRO. „Es ist damit nicht nachvollziehbar, warum die Vereinten Nationen das bei den betroffenen Menschen nicht mehr realistisch und vollständig abbilden wollen.“ Für humanitäre Organisationen seien diese Zahlen sehr bedeutend. „Es ist wichtig, dass wir ein vollständiges Bild der herrschenden Not haben – und nicht nur von den Menschen, die am meisten und dramatischsten betroffen sind. Humanitärer Bedarf ist nicht relativ, er folgt nachvollziehbaren Kriterien. Den Menschen, die auf unsere Hilfe angewiesen sind, erweisen die UN damit einen Bärendienst“, so Heinlein.
Zugleich macht auch dieser Bericht deutlich, wie dramatisch die Lage für viele Menschen ist. „Die humanitäre Not hat in den vergangenen Jahren ein unerträgliches Ausmaß erreicht“, konstatiert Anica Heinlein. „Der Bericht zeigt, wie unverzichtbar eine umfassende und verlässliche humanitäre Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft ist.“ Eine angemessene Reaktion bleibe aktuell jedoch aus: „Trotz dieser Entwicklung kürzen reiche Länder wie Deutschland weiter ihre humanitären Mittel und priorisieren ihre nationalen Interessen.“ So waren Ende Oktober 2025 nur rund 27 Prozent der international geplanten Hilfsvorhaben finanziert.
Angesichts der alarmierenden Zustände ruft VENRO gemeinsam mit 88 weiteren Nichtregierungsorganisationen aus allen Teilen der Welt die Regierungen zum Handeln auf. Die Missstände sind eklatant: „Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht werden kaum mehr als mit einem Achselzucken quittiert. Hilfsmaßnahmen werden behindert und humanitäre Helfer_innen in Rekordzahlen getötet oder verletzt“, kritisieren die Organisationen in ihrem Statement. „Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, darunter der Einsatz von Hunger und geschlechtsspezifischer Gewalt als Waffen, werden zwar verurteilt, aber es werden kaum oder gar keine Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung ergriffen.“ Zwischen 2021 und 2024 hat sich die Zahl der Frauen und Kinder, die in bewaffneten Konflikten getötet wurden, vervierfacht. Mehr als jedes sechste Kind lebt heute in einem Konfliktgebiet.
Die Pläne zur Reorganisation des Auswärtigen Amts deuten darauf hin, dass die Bundesregierung sich in ihrer Außenpolitik künftig noch stärker auf Deutschlands sicherheits- und wirtschaftspolitische Interessen fokussieren will. „Dabei müsste Deutschland gerade jetzt seine über viele Jahre erarbeitete Position als verlässlicher und prinzipientreuer humanitärer Akteur ausfüllen und insbesondere jetzt alles Menschenmögliche tun, um für möglichst viele Menschen weltweit die humanitäre Katastrophe zu beenden“, betont Heinlein.
08.12.2025
Global Humanitarian Overview: Hunderte Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen – trotz schöngerechneter Zahlen
Rund 239 Millionen Menschen weltweit werden laut UN im Jahr 2026 auf humanitäre Hilfe angewiesen sein. Das geht aus dem heute veröffentlichten UN-Bericht zur globalen humanitären Lage 2026 hervor. Im Vergleich zum Vorjahr sinkt die Zahl der Betroffenen um rund 65 Millionen, was jedoch auf eine neue Berechnungsgrundlage der UN zurückzuführen ist. VENRO, der Dachverband entwicklungspolitischer und humanitärer Nichtregierungsorganisationen in Deutschland, kritisiert die Änderung bei der Berechnung der Zahlen und betont, wie groß der humanitäre Bedarf weiterhin ist.