Neben den Menschen selbst, die für ihre Rechte, Selbstbestimmung und Freiheit kämpfen, sind es oft Diaspora-Gemeinschaften, die auf Menschenrechts- und Frauenrechtsverletzungen, auf Gewalt, Vertreibung und Verfolgung hinweisen, bei humanitären Katastrophen Spenden sammeln und politische wie mediale Aufmerksamkeit erwirken. Die Erfahrungen im Kontext des verheerenden Erdbebens in der Türkei und Syrien zeigen, dass auch weit entfernte Nachbarschaften und Schulen zu beeindruckenden Spenden- und Solidaritätsaktionen in der Lage sind. Im Rahmen von Russlands Krieg in der Ukraine sind darüber hinaus viele Städtepartnerschaften aktiv in der Unterstützung und Aufnahme von Ukrainer*innen geworden.
Im Allgemeinen jedoch ist internationale, zivilgesellschaftliche Solidaritätsarbeit fragmentiert und auf einzelne Länder, Gruppen bzw. auf die Abschaffung einzelner repressiver Regimes ausgerichtet. Vor dem Hintergrund der oben beschriebenen Situationen treibt uns die Frage um, wie so etwas wie globale Solidarität, die über die „Einzel-Solidarität“ hinausgeht, organisiert und konkret ausbuchstabiert werden kann? Wie gelingt es Aktivist*innen und verschiedenen Initiativen, näher zusammenzustehen und besser bzw. politisch erfolgreicher zusammenzuarbeiten? Wie lässt sich das Gemeinsame in den so unterschiedlichen Kämpfen stärken?
Zu Beginn der Veranstaltung wollen wir uns von Alexander Behr, Autor des Buches „Globale Solidarität. Wie wir die imperiale Lebensweise überwinden und die sozial-ökologische Transformation umsetzen“ (https://www.oekom.de/buch/globale-solidaritaet-9783962383701) informieren lassen: Was sind ganz konkrete „Zutaten“ für globale Solidarität? Macht es Sinn nachzufragen, wer denn eigentlich die Feinde der Solidarität sind, um sodann mit dieser Erkenntnis erfolgreicher agieren zu können? Ist ein produktiver Weg, mehr über das Verhältnis von Solidarität und Transformation nachzudenken, um die so dringend benötigte ökologische und soziale Transformation vor-anzubringen?
Es gibt Anknüpfungspunkte übergreifender Solidarität: So wie sie sich zum Beispiel in dem Austausch syrischer und ukrainischer Aktivist*innen angedeutet hat, die sich über die Erfahrung der Unterdrückung und Russlands Rolle in den Kriegen ausgetauscht haben. Sie zeigt sich in gemeinsamen Demos von Ukrainer*innen und Iraner*innen, in gemeinsamen Veranstaltungen von afghanischen und iranischen Aktivist*innen, in Gedenkveranstaltungen für türkische und syrische Opfer des Erdbebens, aber auch thematisch in Bezug auf Klimakämpfe oder einen internationalistischen 8. März 2023, den Frauen und LGBTQ+-Aktivist*innen sehr global ausgerichtet hatten.
Einige Erfahrungen davon wollen wir bei der Jahresveranstaltung vorstellen. Und wir wollen kritisch nachfragen und diskutieren, wie sich bundesdeutsche Zivilgesellschaft und NRO verändern müssen, um wieder bzw. noch solidarischer zu werden bzw. „vereinter“ globale Solidarität auszuüben. Eine offene Frage ist auch, ob zunehmende Professionalisierung und „NGO-isierung“ in der Zivilgesellschaft, den Initiativen und Bewegungen zu mehr Entfernung von Kämpfen und Bewegungen geführt haben? Lassen sich Ungerechtigkeiten und Unterdrückung mit Projektmanagement, Überwältigungsverbot und Energizern beikommen? Geht Solidarität eigentlich vom Schreibtisch aus, aus Seminarräumen und Hochglanzbroschüren…? Braucht es hier einen Praxiswechsel und was sind die Erwartungen an die entwicklungspolitischen Vereine und Verbände?